Die Theaterpreise des Vereins wurden verliehen

Zu Beginn der WLB-Spielzeiteröffnung „Spaziergang durch den Spielplan“ wurden die Theaterpreise des Vereins für die vergangene Spielzeit verliehen. Wolfgang Clauß führte in Versen ein und machte darin deutlich, dass der Jury auch diesmal – es war bereits die zehnte Theaterpreisverleihung – angesichts der sehr starken Inszenierungen und des grandiosen, toll besetzten Ensembles die Entscheidungen nicht leicht gefallen seien.

Natascha Richter ehrte in der Preiskategorie „Schauspielerin“ Gesine Hannemann. Sie werfe sich immer mit Wucht in ihre Rollen, hinterlasse in jedem Stück einen bleibenden Eindruck, sprühe vor Energie und übertrage diese Energie auf das Publikum. Mit ihrem kraftvollen Spiel füge sie sich perfekt ins Ensemble ein. Sie könne mit enormer Wandlungsfähigkeit alles spielen, egal ob laut oder leise, forsch oder einfühlsam, jung oder alt, Mann oder Frau, Göre oder Dame. Zudem könne sie hervorragend singen, wie sie zum Beispiel in „Struwwelpeter“ unter Beweis gestellt habe. Dort wie auch in „Der Besuch der alten Dame“ habe sie auch ihr komisches Talent gezeigt. Aber das Wichtigste dabei sei, dass alle ihre Figuren authentisch blieben. Gesine Hannemann berühre besonders auch in ernsten Stücken, so wie in der zurückliegenden Spielzeit in „Die Nashörner“ oder in „Die barmherzigen Leut‘ von Martinsried“, wo sie eindrücklich die ältere Anna Baisch gespielt habe.

Thomas Dietz händigte in der Kategorie „Schauspieler“ den Preis Christian A. Koch aus. Der durch viele Film- und Fernsehproduktionen weit über Esslingen hinaus bekannte Schauspieler habe in dieser Spielzeit in fünf Inszenierungen großartige schauspielerische Leistungen gezeigt, in „Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark“ – dort spielte er Leo Jogiches -, in „Shockheaded Peter“ in sechs verschiedenen Rollen, in „Der Besuch der alten Dame“ – dort spielte er den Bürgermeister – und vor allem in „Von Mäusen und Menschen“ als George („we travel together“ – wo er so wunderbar und überzeugend die Linie fand, Lennie einerseits mit harter Hand anzufassen, andererseits aber zu ihm sehr liebevoll zu sein) und in „Ein ganzes Leben“, wo er Andreas Egger total glaubhaft trifft. Der Laudator hob zu Letzterem auch noch auf den wunderbaren Brief Eggers an Marie ab: „Vielleicht siehst Du die Sterne ja auch. Leider muss ich jetzt endigen. Ich schreibe nur langsam und hinter den Hügeln wird es schon hell. Dein Egger“.

Monika Wille überreichte Regisseur Christof Küster den Preis in der Kategorie „Inszenierung“ für die Produktion „Das Urteil von Nürnberg“. Sie hob darauf ab, dass das Thema des Stücks von Abby Mann angesichts der aktuellen politischen Lage in der Welt leider wieder an Tragweite gewonnen habe. Die Inszenierung sei hoch interessant und spannend, die schauspielerischen Leistungen – alle Schauspielerinnen und Schauspieler sind ständig stehend präsent, die Dialoge sind sprachlich großartig – seien hervorragend. Frank Chamiers Bühnenbild, eine graue, schiefe, mit Spalten und Senken stilisierte Trümmerlandschaft, sei ebenso überzeugend wie es seine zeitgemäßen nicht schwarzen, nicht weißen, sondern grauen Kostüme seien. Und berührend sei, wie durch diese Trümmerlandschaft Justitia mit verbundenen Augen wanke, teils schutzlos, fast ängstlich, schwankend, manipuliert, dann wieder rechtschaffend und gerade.

In der Preiskategorie „Kinder- und Jugendtheater“ fiel der Preis an das vierköpfige Theaterpädagogik-Team Barbara Brandhuber, Linda Kreissle, Tobias Metz und Margarita Rudenstein. Die Laudatorin Gabriele Alf-Dietz betonte, da die theaterpädagogische Arbeit mit Kindern und Schülerinnen und Schülern kein Selbstläufer sei, gehe an dieses Team ein besonderer Dank. Die Gesamtkonzeption der Theaterpädagogik sei schlüssig und durchdacht, die Preisträger würden mit dieser alle Altersgruppen von der Vorschule bis zum Oberstufenkurs Literatur und Theater am Gymnasium erreichen. Eine breit gestreute Information über die Arbeit an der WLB zur Inszenierung eines Stückes und zur Arbeit hinter der Bühne – beispielsweise die „Vor- und Nachbereitung eines Theaterbesuchs“ oder der „Blick hinter die Kulissen“ – ermögliche Schulklassen oftmals einen ersten Zugang zum Theater. Und besonders erwähnte die Laudatorin in diesem Zusammenhang den Kulturrucksack für die Klassenstufen 5 und 6, das Angebot der WLB und anderer Kultureinrichtungen in Esslingen, das einer breiten Schülerschaft dank der finanziellen Unterstützung durch die Stadt Esslingen kostenlos zur Verfügung stehe.

Ein sehr berührender Theaterabend

Traditionell lädt die WLB den Verein einmal im Jahr zu einem besonderen Theaterabend ein, dieses Mal zu „Ein ganzes Leben“. Das Interesse, nach der grandiosen Inszenierung von „Der Trafikant“ nun in der WLB einen weiteren, wunderbaren Roman von Robert Seethaler auf der Bühne zu sehen, war riesengroß.

Ein stiller Außenseiter kommt mit vier Jahren in ein Tal, in dem er dann nahezu sein ganzes, einfaches Leben, bepackt mit etlichen Schicksalsschlägen, verbringt, wo er auch seine große Liebe, den Höhepunkt seines Lebens,  kennenlernt, aber nach wenigen Monaten Marie durch ein Lawinenunglück wieder verliert. Doch auch danach geht Andreas Eggers Leben weiter, ein Leben, auf das er am Ende ohne zu hadern und, wie es im Roman heißt, „ohne Bedauern zurückblicken“ kann, „mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen, großen Staunen“. Welch eine unglaublich schöne Feststellung.

Regisseur Klaus Hemmerle hat diese Lebensgeschichte meisterhaft inszeniert, sie wird von Christian Koch – Andreas Egger total glaubhaft treffend –, Cathrin Zellmer und Wolfram Karrer großartig, überzeugend und ohne in eine sentimentale Stimmung zu gleiten erzählt und gespielt, wobei Wolfram Karrers Musik auf dem Akkordeon und Cathrin Zellmers Flötenspiel Eggers Leben auf der von Katrin Busching genial gestalteten Bühne herrlich passend ergänzen.

Das Publikum war in einer kaum zu beschreibenden Weise berührt und tief beeindruckt. Nach lang anhaltendem Beifall fand der Theaterabend einen wunderschönen Ausklang im Theatercafé bei Gesprächen mit Christian Koch, Cathrin Zellmer und Wolfram Karrer.

 

Wieder ein sehr schöner Abend mit Friedrich Schirmer

Bei der gut besuchten Mitgliederversammlung des Vereins betonte Wolfgang Clauß als 1. Vorsitzender zunächst, sich derzeit über das wunderbare, rundum faszinierende Theater WLB mit seinem großartigen Ensemble zu äußern heiße, sich in ständigen Superlativen zu bewegen, was vor allem Intendant Friedrich Schirmer und Chefdramaturg Marcus Grube zu verdanken sei.

Er berichtete über die durchgeführten Veranstaltungen, Besuche von Theaterproben, einen gemeinsamen Theaterabend, Theaterpreisverleihungen, Matineen mit der Dramaturgie und Bühnenbildnern, eine Dichterbegegnung und Besuche anderer Esslinger Kultureinrichtungen, und gab einen Ausblick auf das Jubiläumsjahr 100 Jahre WLB und 20 Jahre Theaterverein und die diesbezüglichen Aktivitäten des Vereins.

Schatzmeister Erich Saam erstattete den Kassenbericht, Otto Blumenstock trug als Kassenprüfer den Prüfbericht vor und empfahl die Entlastung des Schatzmeisters und des gesamten Vorstands, was antragsgemäß erfolgte. Wolfgang Clauß dankte Erich Saam, der aus altersbedingten Gründen nicht mehr für ein Vorstandsamt kandidierte, für seine jahrelange, vielfache Tätigkeit im Vorstand und die ausgezeichnete Ausübung der Ämter.

Unter der Wahlleitung von Roland Geltz wurde folgender Vorstand gewählt: Dr. Wolfgang Clauß als 1. Vorsitzender, Bernd Daferner und Christa Müller als seine Stellvertreter und ferner Dr. Thomas Dietz, Barbara-Braun-Nickel und Ulrike Jahn-Sauner.

Höhepunkt des Abends war wieder einmal ein Gespräch mit Intendant Friedrich Schirmer. Die Theaterfreunde erfuhren von Friedrich Schirmer u. a., wie es zu seiner ersten und zweiten Intendanz kam, weshalb es ihm so wichtig war, Marcus Grube als Chefdramaturgen zu gewinnen, und weshalb ihm ebenso wichtig war, dass seine Idee von der bevorstehenden Doppelspitze zusammen mit Marcus Grube Anklang fand. Spannend war die anschauliche Schilderung der Zusammenstellung seines Ensembles, das auch altersmäßig so gut besetzt sei, dass jede Rolle glaubhaft gespielt werden könne. Im weiteren Verlauf ging Friedrich Schirmer auf die bevorstehendeJubiläumsspielzeit, insbesondere auf die beiden Eröffnungswochenenden ein. Auch das Theatergebäude der WLB und seine Entstehung nach dem Abriss der alten Theaterscheuer – Vereinsmitglied Dr. Dieter Deuschle schilderte hierzu auf heitere Weise, welche Hindernisse es zu überwinden gab – war ein Thema und Friedrich Schirmer brachte am Ende des Gesprächs deutlich zum Ausdruck, wie sehr er die tolle Atmosphäre des Gebäudes schätze und wie wohl er sich in Esslingen fühle. Gern hätte man Friedrich Schirmer noch viel länger zugehört.