Theater ist Lebensqualität

Bis auf den letzten Platz gefüllt war das Podium, als der Verein der Freunde zur Matinee „Faszination Theater“ eingeladen hatte. Dieses Gespräch mit drei Schauspielern, nämlich Klaus Lerm, der über 30 Jahre an der WLB spielte, Nina Mohr und Marcus Michalski, beide aktuelle WLB-Mimen, moderierten Bernd Daferner und Wolfgang Clauß. Gemeinsam mit den Zuschauern spürten sie dem Phänomen nach, dass die WLB derzeit einen wahrhaften Theaterboom erlebt. Die besten Zuschauerzahlen seit 25 Jahren und mit über 113000 Zuschauern, in der letzten Spielzeit insgesamt, mehr als das Staatsschauspiel in Stuttgart. Daferner gratulierte allen Theatermachern und Intendant Friedrich Schirmer. Er verwies darauf, dass der Erfolg auch an dem großartigen Ensemble liege.

Klaus Lerm erzählte mit unterhaltsamen Beispielen, wie sich das Theater im Laufe der Jahrzehnte verändert hat. Und er ist immer noch ein ein eindrucksvoller Mime, der ab 1965 in vielen Rollen glänzte. Nina Mohr, die Jüngste in der Runde und vor kurzem als beliebteste Darstellerin der Spielzeit 15/16 ausgezeichnet, erzählte, wie sie vom Schultheater zur Schauspielausbildung in Salzburg kam und welche Rollen ihr am meisten Freude machten. Marcus Michalski, der bereits 1998 von der Zeitschrift „Theater heute“ als bester Nachwuchsschauspieler nominiert war und auch in Film und Fernsehen aktiv ist, verriet, wie er an die Rolle des Walter Kempowski in „Tadellöser und Wolff“ heranging und schilderte Erfahrungen mit Theaterkritiken, die teilweise vollständig konträr sind. Wolfgang Clauß beleuchtete mit den Schauspielern besonders das Verhältnis Publikum und Darsteller.

Es zeigte sich, dass diese Elektrizität zwischen Rampe und Zuschauerraum für die Akteure ein ganz besondere Rolle für das Gelingen eines Theaterabends spielt. Auch Intendant Schirmer wies darauf hin, dass der Zuschauer und seine Reaktionen wesentlicher Bestandteil einer Aufführung sind, denn schließlich würde ja für die Zuschauer Theater gemacht. Langer Beifall für die Akteure und spannende Gespräche mit ihnen beim anschließenden Umtrunk zeigten, wie sehr die Zuschauer Theater und die Schauspieler mögen und dass das Publikum auch spannende Blicke hinter die Kulissen mag.

Von links: Marcus Michalski, Wolfgang Clauß, Nina Mohr und Klaus Lerm. Foto: Erich Saam

Von links: Marcus Michalski, Wolfgang Clauß, Nina Mohr und Klaus Lerm. Foto: Erich Saam

Schauspieler muss mehrfach im See ertrinken

Die erste Theaterprobe der neuen Spielzeit fand zum Stück „Der Trafikant“ in der WLB statt. Die Besonderheit:Es war eine Gemeinschaftsveranstaltung des Vereins mit dem renommierten Esslinger „Dienstagskreis“. Nach der Begrüßung durch Bernd Daferner stellte Charlotte Plischke vom Kreis – übrigens auch Gründungsmitglied des Theatervereins – kurz den „Dienstagskreis“ vor, der bereits in den 50ern von OB Roser begründet wurde. Sie sagte, dass sie, wie alle, die das Buch von Seethaler gelesen haben, nun sehr gespannt seien, wie es in ein Theaterstück umgesetzt werde. Die stückbegleitende Dramaturgin Michaela Stolte berichtete, dass der Autor für die WLB die Theaterfassung erstellt hat und sich auf der Bühne in einer Version alle wechselnden Schauplätze befinden. Eine Stunde beobachtete der höchst interessierte Zuschauerkreis im Schauspielhaus, wie der Regisseur Hans-Ulrich Becker akribisch an einzelnen Szenen feilte. Immer wieder musste der Schauspieler Antonio Lallo vom Blitz getroffen im Attersee ertrinken, bis das Zusammenspiel von Schauspielern, Blitzen und Donnergeräuschen, die live auf der Bühne entstehen, optimal zusammenpasste. Einmal mehr beeindruckend, wie es in aufwendiger Feinarbeit gelingt, dass eine Stimmung entsteht, die die Zuschauer in ihren Bann zieht. Das Nachgespräch im Podium zeigte, dass die Teilnehmer mit Spannung der Premiere entgegenblicken.

Verleihung der Theaterpreise

Vor gut gefülltem Schauspielhaus wurden im Rahmen der WLB-Matinee „Entdeckungsreise durch den Spielplan“ die Theaterpreise des Vereins der Freunde der WLB verliehen.

Bernd Daferner begrüßte und sagte, dass die zweite Spielzeit eines Intendanten in Theaterkreisen sehr gefürchtet sei. Aber Friedrich Schirmer habe zusammen mit einem tollen Ensemble die WLB weiter auf Erfolgskurs geführt. Dem Intendanten bescheinigte er, dass er zu jeder Zeit für sein Theater da war und wie wichtig ihm die Zuschauer seien, deren Zahl wieder einmal deutlich gestiegen sei.

Laudatorin Monika Wille äußerte sich begeistert über das beliebteste Stück ‚Narziß und Goldmund‘. Dieses Traumspiel von der Suche nach sich selbst habe die Jury und sie selbst einfach fasziniert.

Die beliebteste Darstellerin ehrte Erich Saam. „Sie hat grünbraune Augen, hat ihre Ausbildung am Mozarteum in Salzburg gemacht und in ‚Hamlet‘, im ‚Preispokal‘ sowie ‚Tadellöser und Wolf‘ geglänzt. Als das übergroße, projizierte Konterfei von Nina Mohr sichtbar wurde, brandete großer Beifall auf.

Dies war auch beim beliebtesten Darsteller, nämlich Johannes Schüchner, der Fall. Ingrid Vandrée würdigte seine überzeugenden Leistungen im ‚Preispokal‘, in ‚Narziß und Goldmund‘ und im ‚Hamlet‘, wo er den Hauptdarsteller mit Emotionen wie Euphorie und Rachsucht ausgestattet habe.

Den Preis für die Junge WLB überreichte Ulrike Jahn-Sauner. „Die Kurzhosengang“ sei 80mal aufgeführt worden. Das sei doch ein toller Beleg für die Stückauswahl, die Schauspieler und das Interesse junger Menschen an einem spannenden Theaterstück.

Wolfgang Clauß hielt eine gereimte Lobrede auf „Herbstmilch“, das Stück, das einen Sonderpreis der Jury erhielt. Sabine Bräuning sei es meisterlich gelungen, den Roman über das entbehrungsreiche Leben der Bäuerin Anna Wimschneider in nur einer Stunde zusammen mit hervorragenden Darstellerinnen auf die Bühne zu bringen.

 

Shakespeare auf der Maille

Für den Verein der Freunde der WLB sind Freilicht-Theaterproben immer ein Höhepunkt – aber wetterbedingt oft eine Zitterpartie. Doch nach Regengüssen kamen bei dieser Probe erstmals nach langer Zeit Sonnenstrahlen heraus. Der stückbegleitende Dramaturg Matthias Göttfert führte im Podium 2 der WLB in das Stück „Hamlet – Prinz von Württemberg“ ein und berichtete vom Verlauf der Probenarbeiten. Der Autor Jörg Ehni schrieb für die WLB eine schwäbische Fassung des großen Shakespeare-Dramas und verlegte die Handlung an den Hof des württembergischen Königs. Auf der Freilichtbühne konnte man dann feststellen, dass es durchaus möglich ist, Schwäbisch und Hochdeutsch zu mischen. Hamlet spricht hochdeutsch, der Hofstaat mehrheitlich schwäbisch. „Ihr wisst, dr Hamlet hat sich arg verändert. s`´isch rätselhaft. Mir beide denket halt, dass ihn dr Tod von seinem liebe Vatter so schlaucht, dass er sich selber nemme kennt. „ Das eindrucksvolle Spiel der Darsteller ließ dann auch die Fraktion jener, die Hamlet werktreu bevorzugt hätten, schrumpfen. Die Spannung auf die Premiere wuchs. Wolfgang Claus vom Verein dankte Matthias Göttfert und der WLB.

Proben für "Hamlet" - Bild: Roland Geltz

Proben für „Hamlet“ – Bild: Roland Geltz

Kino trifft Theater

Traditionell besucht der Verein einmal im Jahr eine andere Esslinger Kultureinrichtung. Diesmal war es das Kommunale Kino, das seit drei Jahrzehnten ein fester Bestandteil des kulturellen Lebens der Stadt ist. Die Geschäftsführerin des „KoKi“, Sibylle Tejkl ,stellte in launiger Form Konzeption und Bildungsauftrag des eingetragenen Vereins mit ca. 1400 Mitgliedern vor. Neben dem populären Kino auf der Burg gibt es das Kinderkino GONZO, das Jugendkino, das Film-Café, originalsprachliche Angebote, das QuerFilmFestival, Kino & Talk und vieles mehr. Bärbel Braun-Nickel vom Verein dankte Sybille Tejkl, bevor die Mitglieder den wunderbaren britischen Spielfilm „The Lady in the Van“ mit der zweifachen Oscar-Preisträgerin Maggi Smith genossen. Im Anschluss an den Film gab es im „Lux“, der Gastronomie des KoKi, bei einem gemütlichen Ausklang noch viele Gespräche, die um die Filmerei, aber auch übers Theater gingen.

Ein Leben voller Entbehrungen: Herbstmilch

Traditionell lädt die WLB einmal im Jahr den Verein zu einem ganz besonderen Theaterabend ein, diesmal zu „Herbstmilch“, einem Stück zu Anna Wimschneiders Erfolgsbuch, das vor 30 Jahren ein Millionen-Bestseller war. Kein Wunder, dass kein Platz im Podium mehr frei war, als die Schauspielerinnen in einer Mischung aus Erzählung und Spielszenen das entbehrungsreiche Leben der Bäuerin Anna entstehen ließen. Mit dem Tod ihrer Mutter 1927 endet schlagartig die Kindheit der achtjährigen Anna. Sie muss den Haushalt übernehmen, ihren Vater und sieben Geschwister versorgen. Wieder einmal das Besondere eines gelungenen Theaterabends: Das Mitgehen und Mitspüren des Publikums mit den Darstellerinnen auf der Bühne. Bernd Daferner vom Verein, der Anna Wimschneider vor 30 Jahren bei Filmaufnahmen persönlich kennengelernt hat, dankte der WLB und besonders Sabine Bräuning, die aus dem Buch das Stück gemacht und es perfekt inszeniert hat. Natürlich auch den wunderbaren Schauspielerinnen Katja Uffelmann und Barbara Stoll. Daferner lud die Protagonisten und die Zuschauer namens des Vereins zu einem Umtrunk ins Obere Foyer ein. Dort gab es spannende Gespräche zwischen höchst interessierten Mitgliedern und den Künstlerinnen, die sich des Lobes und der vielen Fragen kaum erwehren konnten. Sie erfuhren immer wieder, dass es ihnen gelungen war, durch ihre Kunst für alle Beteiligten den Zauber eines besonderen Theaterabends entstehen zu lassen.. 

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  1. Beifall und Blumen für die Künstler Foto: Inge Rieber
  2. Beim Umtrunk nach der Aufführung Foto: Inge Rieber

Kinder brauchen Geschichten

Großer Applaus für ein tolles Ensemble Foto: B.Daferner

Großer Applaus für ein tolles Ensemble
Foto: B.Daferner

Der Verein der Freunde der WLB ist ein großer Fürsprecher für die Junge WLB, das Kinder- und Jugendtheater der Landesbühne. Da sich viele Mitglieder mal wieder in die Welt von ganz jungen Menschen hineinfühlen wollten, folgten sie der Einladung des Vereins zum Besuch des Kinderstücks „Zwei Schwestern bekommen Besuch“. Und da einige Kinder, Enkel, Neffen und Nichten mitbrachten und der Verein Kinder und Eltern des Kindergartens Stadtmitte zu diesem Theaterbesuch eingeladen hatte, spielte ein tolles Ensemble vor vollem Haus. Zwei Schwestern leben glücklich und zufrieden auf einer Insel. Doch als Vetter Hans zu Besuch kommt, weicht die anfängliche Freude schnell. Er bringt nämlich alles nach seinen Vorstellungen in Ordnung und die Welt der Schwestern total durcheinander. Und da tun sich Fragen auf: Wer bestimmt eigentlich, wie man richtig lebt? Und muss man sich für etwas bedanken, das man eigentlich gar nicht wollte? Großer Schlussapplaus für Galina Freund, Sabine Christiane Dotzer und Daniel Elias Böhm. Inszeniert hatte Marco Süß, der Leiter der Jungen WLB. Er wurde von Ulrike Jahn-Sauner vom Vorstand des Vereins kurz interviewt. Er verriet, wie Stücke ausgesucht werden und was man mit ihnen bezwecken will. Kinder brauchen Geschichten, darüber, wer sie sind und über die Welt um sie herum. Geschichten zum Staunen, Lernen und Träumen. Süß stellte auch das WLB-Projekt „Klassenkasse“ vor, das der Verein mitträgt und fördert. Es ermöglicht allen Kindern, auch Flüchtlings- und Zuwandererkindern, einen altersgerechten Zugang zur Kultur. Jahn-Sauner versicherte, dass der Verein auch künftig tatkräftig zum Gelingen beitragen wird.

Sonntagvormittag mit Herrn Err

Ein bis auf den letzten Platz gefülltes Podium der WLB war der Rahmen für eine Matinée des Vereins der Freunde der WLB in Zusammenarbeit mit der WLB. Wolfgang Clauß, Beirat des Vereins, präsentierte in heiteren Versen „Herr Err und andere Kuriositäten“. Er ist von Haus aus Jurist und liebt es, selbst erlebte oder aus nächster Nähe erfahrene, aber auch nicht ganz ernst zu nehmende Begebenheiten, Ereignisse und Gespräche in Versen festzuhalten. Das amüsierte Publikum erfuhr unter anderem, warum Herr Err die Straße nach Balderschwang in den Winterurlaub rückwärts hochfuhr. Oder wie es kam, dass nach feucht-fröhlicher Nacht der Gast im Doppelbett im Möbelhaus aufwachte, von den ans Schaufenster klopfenden Passanten bestaunt.

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Alexander Schumann (links) und Wolfgang Clauß (Foto B. Daferner)

Wolfgang Clauß agierte gekonnt auf der Bühne, präsentierte seine kleinen Werke verschmitzt und pointiert und sammelte sich reichlich Lachen und  Beifall ein. Alexander Schumann am Klavier setzte mit Rachmaninoff, Debussy und Chopin meisterhafte Akzente. Beim Stück „Kobold“ zeigte er auch schauspielerisches Talent. Nach der gelungenen Aufführung lud der Verein zu einem Umtrunk ins Obere Foyer, wo ein großer Kreis mit den beiden Künstlern plauderte. Nur einer war nicht dabei: Herr Err, der gerade wieder von Balderschwang rückwärts ins Tal fuhr.

Begeisterter Beifall für den Frauenarzt

Begeisterter Beifall und Blumen gab es im bis auf den letzten Platz gefüllten Podium II der WLB für die Schauspielertruppe von „Der Frauenarzt von Bischofsbrück“. Die Mitglieder des Vereins der Freunde der WLB nutzten die Chance, die Folge 1 der Kultserie erstmals oder als Wiederholungsfall zu genießen. Und alle wollten wissen, welche Wendungen und Turbulenzen seines Lebens der sympathische Frauenarzt Dr. Julius Borg erleben muss, als er einem Bestechungsversuch der Pharma-Lobby widersteht. Wie er von der Staatsgewalt verfolgt wird, herb enttäuscht von der deutschen Justiz ist und von Mafiosi wie Seniore Calamari beschützt wird.

In Topform spielten Gesine Hannemann, Christian A. Koch, Marcus Michalski und Martin Theuer. Von der ersten Sekunde an sprang der Funke über von der Bühne voller Aktionen ins hoch amüsierte Publikum. Es fieberte mit Gräfin Rentzlow und drückte Mutter Maria von den Heiligen Wassern inbrünstig die Daumen. Die Varianten der Geräuschentstehung vom Wagen zuschlagen bis zum Hofgang im Gefängnis waren so eindrucksvoll, dass einige Mitglieder diese auch zuhause ausprobieren wollen. Nach dieser fesselnden Vorstellung zog es noch eine große Schar mit den Schauspielern ins Theatercafe, wo alle Beteiligten wieder in fröhlicher Runde feststellten, wie schön es ist, dass eine tolle Schauspielertruppe auf einen immer größer werdenden Fanclub trifft.

Wolfgang von Goethe: Faust.

Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil für zwei Schauspieler

Die WLB hatte die Mitglieder des Vereins und ihre Freunde zu dieser Aufführung eingeladen. Man konnte den Gelehrten Dr. Faust nochmals oder erstmals mitzuerleben. Jeden Tag quält er sich mit den großen Fragen des Lebens auf der Suche nach beruflicher und privater Erfüllung. Religion, Philosophie, Magie – nichts zeigt Wirkung. Bis er mit dem Teufel Mephisto einen Pakt schließt. Die Inszenierung war für die Theaterfreunde ein schönes Erlebnis,  Faust, Mephisto, Gretchen, gespielt von Monika Barth und Elke Twiesselmann einmal von dieser Seite kennen zu lernen. Ein Abenteuer für Theaterfans, welches mit viel Beifall bedacht wurde.